Holzminden (awin). Es ist Spieltag in Basel. Während sich am Abend Deutschland und die Schweiz gegenüberstehen, sitzt Paul Grotenburg noch im Hotel und schreibt die letzten Zeilen für die Leser. „Ein paar Artikel muss ich noch schreiben, damit unsere User bis heute Abend so ein bisschen heiß auf das Spiel gemacht werden“, sagt er. Wenige Stunden später wird er auf der Pressetribüne sitzen – mittendrin statt nur dabei. Für den 1996 in Düsseldorf geborenen Journalisten ist genau das heute Alltag. Und doch bleibt es jedes Mal etwas Besonderes.
Die ersten Schritte beginnen vor der Haustür
Seinen Weg dorthin begann Grotenburg dort, wo Journalismus oft am ehrlichsten ist: im Lokalen. Zwischen März 2014 und Februar 2017 arbeitete er als freier Mitarbeiter bei Weser-Ith News – damals noch mitten in der Abiturphase an der PGS in Dassel. Schon früh stand für ihn fest, wohin die Reise gehen sollte. „Ich wusste schon früh, dass ich im Sportjournalismus arbeiten wollte.“
Der Einstieg war bewusst gewählt. „Ich hatte Lust und dachte, im Lokalen kann man die besten Erfahrungen sammeln. So habe ich dann angefangen. Ich bin mir nicht mehr 100% sicher, aber ich meine, mein erstes Spiel war in Dielmissen.“ Was zunächst mit Sportberichten begann, entwickelte sich schnell weiter. Grotenburg schrieb über politische Termine, besuchte Unternehmen und berichtete über Einsätze in der Region.
Eine Szene ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben: Mitten in der Nacht wird ein Brand gemeldet, er hat noch keinen Führerschein. Also fährt er gemeinsam mit dem Mann seiner Mutter los nach Stadtoldendorf, um Fotos von einem Dachstuhlbrand zu machen. Solche Erlebnisse prägen – und sie zeigen früh, was Journalismus bedeutet: nah dran sein, wenn etwas passiert.
Auch Julien Heinrich, Gründer und Inhaber der Weser-Ith News, erinnert sich an diese Zeit: „Bei Paul war ich mir damals schon sicher, dass er eine Karriere hinlegen wird. Er war in seiner Zeit bei uns als junger Mitarbeiter bereits sehr verlässlich und fleißig. Es freut mich sehr für ihn, dass er sein Ziel erreicht hat. Ich bin wirklich stolz darauf, dass er seine ersten journalistischen Schritte bei uns gegangen ist.“
Ein Zufall, der alles verändert
Nach dem Abitur zieht es Grotenburg nach Köln zum Studium des Sportjournalismus. Doch der nächste große Schritt entsteht eher ungeplant. Er bewirbt sich für ein Masterstudium in Kiel – ohne zu wissen, dass es sich um ein duales Studium handelt. Wochenlang erhält er keine Rückmeldung. Erst kurz vor Studienbeginn greift er selbst zum Telefon. Am anderen Ende wird schnell klar: Ohne Volontariatsstelle kann er das Studium nicht antreten. Eine Situation, die zunächst wie ein Rückschlag wirkt. Doch dann folgt die überraschende Wendung: Ihm wird angeboten, Kontakt zu einem Verlag herzustellen – der „Schweriner Volkszeitung“.
In kürzester Zeit überschlagen sich die Ereignisse. „Ich bekam eine Zusage und musste innerhalb von einer Woche aus Köln nach Schwerin ziehen“, erinnert er sich. Tatsächlich landet er schließlich in der Prignitz – weit entfernt von seinem ursprünglichen Plan. Zunächst fühlt sich dieser Schritt wie ein Umweg an. „Das war im ersten Moment erstmal so ein bisschen ein Schritt zurück, weil es ging halt in die Lokalredaktion und nicht wie von mir geträumt zu Sky, BILD oder dem Kicker.“ Doch genau dieser Abschnitt wird rückblickend zum Fundament seiner Karriere. „Das waren die härtesten Jahre, weil ich halt einfach in einer mir völlig unbekannten Region war - weit weg von Familie, Freunde und damaliger Freundin“, sagt er. Gleichzeitig seien es die prägendsten gewesen: Reportagen, Einsätze vor Ort, klassische Printarbeit – vom ersten Tag an volle Verantwortung.
Der Beruf zwischen Newsdesk und Stadion
Nach dem Volontariat folgt der Wechsel in die digitale Medienwelt zur Funke-Mediengruppe, bevor Grotenburg 2021 schließlich zur BILD nach Berlin geht. Dort arbeitet er im Sportkompetenzzentrum von Axel Springer – vor allem am Newsdesk. Sein Alltag ist geprägt von Tempo, Koordination und Überblick. Er strukturiert Themen und steuert mit seinen Kollegen die Inhalte. „Wir als Team sind die zentrale Anlaufstelle für unsere ganzen Reporter, die in Deutschland überall verteilt sind“, beschreibt er seine Rolle. Der Fokus liegt dabei vor allem auf schnellen, digitalen Inhalten für verschiedene Plattformen.
Doch der Job besteht nicht nur aus Schreibtischarbeit. Grotenburg schätzt besonders die Vielseitigkeit seines Berufs. Mal schreibt er Artikel für große Printtitel, mal schnelle Online-Meldungen, mal liefert er Einschätzungen für Videoformate oder Podcasts. „Das macht den Beruf aus, weil es so abwechslungsreich ist“, sagt er. Gleichzeitig habe sich der Sportjournalismus stark verändert. Der direkte Zugang zu Spielern sei heute deutlich eingeschränkter als früher. „Wir sind lediglich Berichterstatter und kein Teil der Mannschaft“, ordnet er ein. Kontakte bestehen vor allem zu Vereinsvertretern und Pressestellen – der Austausch mit Spielern erfolgt meist im Rahmen offizieller Termine.
Mittendrin bei der Nationalmannschaft
Seit 2024 gehört Grotenburg zusätzlich zum Reporter-Team rund um die deutsche Nationalmannschaft. Die Einsätze sind intensiv: mehrere Tage unterwegs, eng getaktete Abläufe, kaum Pausen. Dann ist er dort, wo sich das Team aufhält – bei Trainingseinheiten, Pressekonferenzen und Spielen. „Wir sind eigentlich immer da, wo die Nationalmannschaft ist. Deshalb sind die Länderspiele wirklich die Highlights, weil dann bin ich vor Ort im Stadion“, sagt er. Diese Nähe macht den Reiz der Aufgabe aus.
Ein besonderer Moment bleibt das Eröffnungsspiel der Europameisterschaft 2024. Ein Ziel, das er sich schon als Schüler gesetzt hatte. 2014 schrieb er auf die Frage, wo er sich in zehn Jahre sehe, ins Abi-Heft: Als Reporter bei der EM 2024. Als er schließlich im Stadion sitzt, wird ihm die Tragweite bewusst. „Da habe ich das erste Mal gemerkt, dass alles in den vergangenen zehn Jahren einen Sinn hatte. Es hat sich angefühlt, als hätte sich ein Kreis geschlossen.“ Ein Moment, der für ihn bis heute nachwirkt.
Die Weltmeisterschaft als nächstes großes Ziel
Der Blick richtet sich nun auf die kommende Weltmeisterschaft. Für Grotenburg wird es das bislang größte Turnier seiner Karriere. Die Reise führt ihn in die USA, wo er die Nationalmannschaft begleiten wird. „Aus unserem Team macht jeder von uns zwei Gruppenspiele. Wir haben uns das wegen der Reisestrapazen aufgeteilt. Ich bin bei dem Spiel gegen Curaçao in Houston und bei dem Spiel gegen die Elfenbeinküste in Toronto.“
Die Vorfreude ist spürbar – auch wenn die Herausforderungen groß sind. Lange Reisen, intensive Arbeitstage und ein enges Programm prägen solche Turniere. Gleichzeitig beschreibt er diese Zeit als etwas Besonderes. Über Wochen hinweg arbeitet das Team eng zusammen, erlebt Höhen und Tiefen gemeinsam. Sportlich zeigt sich Grotenburg vorsichtig optimistisch. Deutschland habe aus seiner Sicht das Potenzial, weit zu kommen. Entscheidend seien jedoch Faktoren wie Verletzungen und die Erfahrung der Mannschaft. Er traue dem Team alles zu – „vom WM-Titel bis zum Aus in der ersten K.O.-Runde“.
Der Antrieb bleibt derselbe
Trotz seiner bisherigen Erfolge sieht Grotenburg seinen Weg noch lange nicht als abgeschlossen. Stillstand ist für ihn keine Option. Er beschreibt sich als ehrgeizig und offen für neue Entwicklungen. Sein Ziel bleibt klar: weiterhin nah dran sein an den großen Geschichten des Fußballs – und sie erzählen. „Wenn du Ziele hast und sehr, sehr fleißig daran arbeitest und immer daran glaubst, dann führt es dich irgendwie auch dahin“, sagt er. Sein eigener Weg zeigt, dass genau das möglich ist – auch wenn er nicht immer geradlinig verläuft.
Foto: Paul Grotenburg